Am 15. September 1946 sollten in Stolberg und im gesamten britischen Sektor die ersten freien Wahlen seit 1933 durchgeführt werden. Dies war die 1. Wahlperiode des Stadtrates, der mit der kürzlich erfolgten Kommunalwahl nun in seine 19. Wahlperiode übergehen wird. Die letzte zum Stolberger Stadtrat war am 12. März 1933 und die letzte freie Bürgermeisterwahl vor der NS-Diktatur 1930. Im Jahr 1938 wurde die letzte Scheinwahl zum Reichstag durchgeführt, da eine wirkliche Wahl im Einparteienstaat nicht mehr gegeben war und die Ergebnisse vorher feststanden.
Im April 1946 begannen nun die Vorbereitungen für die ersten freien Wahlen unter der Leitung der alliierten Militärregierung. „Wählen ist erste Bürgerpflicht“ war das Motto eines Informationsheftchens, das durch die britische Verwaltung an die deutschen Wählerinnen und Wähler ausgegeben wurde. „Die Wahlen im Herbst werden die erste Stufe für die Herstellung einer vom Volk gewählten Regierung auf starker Grundlage sein“, hieß es darin. Eine Wahlbeteiligung von achtzig Prozent in Stolberg sollte diesen Anspruch bestätigen. Weiter heißt es, „Die Stärke der Demokratie liegt bei den Gemeinden mit ihren deutschen Männern und Frauen. Es ist mit den Wahlen der erste Schritt in der Richtung getan, um Herr im eigenen Hause zu werden.“ Die Demokratisierung glückte, und 1947 folgten die Wahlen zum nordrhein-westfälischen Landtag und 1949 zum Deutschen Bundestag.
Aber für die Durchführung von Wahlen braucht es neben rechtsstaatlichen Strukturen, Parteien und Kandidaten auch praktische Dinge. Angefangen vom Stimmzettel oder Wahlraum bis zur Wahlurne mit Schloss und Siegel. Und da fing das Problem der jungen Demokratie ein knappes Jahr nach Kriegsende an, wie das Schreiben des Wahlamts vom 25. Mai 1946 an den Landrat des Landkreises Aachen zeigt. „Als dringendsten Materialbedarf, der nicht aus eigenen Beständen gedeckt werden kann, melde ich hiermit an: Holz für die Herstellung von 13 Wahlurnen. Den übrigen Bedarf hoffe ich mit eigenen Mitteln beschaffen zu können.“ Man erhält ein Gefühl vom grundlegenden Aufbau einer neuen Demokratie, in welchem keine Wahlurnen aus früheren Zeiten mehr vorhanden sind. Selbst das Schreiben ist auf der Rückseite einer nicht mehr benötigten Zuteilungskarte geschrieben. Heute gibt es für die durch Eingemeindungen und Bevölkerungszuwachs etwa dreimal größere Stadtbevölkerung 32 Stimmbezirke und für jeden eine Wahlurne aus leichtem und beständigem Kunststoff und weitere 32 für die Briefwahl, die damals noch unbekannt war.
Am 31. August musste der Wahlleiter beim Oberkreisdirektor vermelden: „Da die zentrale Materialbeschaffung ausfiel, musste ich auf eigenes Holz zurückgreifen, welches noch so frisch ist, dass es wenigstens bis ca. 8. September liegenbleiben und trocknen muss. Das gesamte Material ist bereits vom Schreiner fix und fertig zugeschnitten und braucht lediglich zusammengebaut zu werden […]“. In Stolbergs Wahlräumen wurden also am 15. September die Stimmzettel für die Kandidaten von CDU, SPD und KPD in ‚taufrische‘ Wahlurnen geworfen. In der 1. Wahlperiode bis 1948 zogen 25 Männer und 2 Frauen als Vertreter/innen ins Rathaus. Davon einer für die KPD, zwei für die SPD und 24 für die neu gegründete CDU. In Bezug auf Geschlechterproportion haben heute Frauen, die 1946 auch erstmals seit 1933 wieder politische Ämter bekleiden konnten, einen immensen Zuwachs an Mandaten erreicht.
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Foto: Dokument in der Akte des Wahlamts (1946-47) Bestand A1/ ST 2794